Tantrik Yoga Eric Steinert

Was ist Tantrik Yoga?

Philosophie

Was ist Tantrik Yoga?

Das Wort Tantra bedeutet im Sanskrit schlicht: Lehre, Lehrtext.
Tantrik Yoga ist kein Körperprogramm und kein spirituelles Wellness-Angebot.
Es ist ein philosophisch-praktischer Erkenntnisweg.

Und er beginnt nicht auf der Matte.
Er beginnt in dem Moment, in dem du bemerkst, dass du da bist.

Ein Missverständnis

In westlichen Kontexten wird „Tantra“ oft mit Sexualität verbunden.
Das ist ein modernes Missverständnis, entstanden durch Neo-Tantra-Strömungen,
die mit der ursprünglichen Tradition wenig gemein haben.

Die Wurzeln des Tantrik Yoga liegen im nondualen Kaśmīr-Śaivismus, einer Lehrtradition, die im neunten Jahrhundert unter dem Namen Trika-Tantra philosophische Reife erlangte.
Ihre zentralen Denker: Utpaladeva, Abhinavagupta, Kṣemarāja,
haben eine Philosophie ausgearbeitet, die an Präzision kaum übertroffen wird.

Ihr Kerngedanke: Die Wirklichkeit ist nicht zweigeteilt.
Kein Innen und Außen, kein Heiliges und Profanes, kein Geist und Materie als getrennte Pole.
Es gibt nur diese eine Bewegung:
sich entfaltend, sich erkennend, wieder zusammenfindend.

Was das für die Praxis bedeutet

Weil die Wirklichkeit nicht gespalten ist, braucht man sie nicht zu verlassen,
um sie zu erkennen. Nicht fliehen, um anzukommen.
Nicht meditieren, um irgendwann einmal still zu sein.

Nicht die Welt ist das Problem, sondern unsere Abwesenheit darin.

Tantrik Yoga fragt deshalb nicht: Wie komme ich heraus?
Sondern: Wie komme ich hinein?
Tiefer in diesen Moment. Tiefer in diesen Körper.
Tiefer in das, was ohnehin da ist und das nur wartet,
bemerkt zu werden.

Spanda, die feine Schwingung, der Puls, dem alles Leben entspringt, ist nicht etwas, das man herstellt.
Es ist das, was man bemerkt, wenn man aufhört, gegen den Moment zu arbeiten.

Gewahrsein als Grund

Im Zentrum der Tradition steht Cit, Gewahrsein, nicht als Zustand, den man erzeugt, sondern als der Grund, in dem alle Erfahrung erscheint.
Etwas, das immer schon da ist.

Was fehlt, ist nicht das Gewahrsein selbst.
Es ist das Wiedererkennen.

Das ist die Einladung des Tantrik Yoga:
nicht zu erreichen, was man noch nicht hat,
sondern zu bemerken, was man nie verloren hat.

Wissenschaft und Tradition

Was die kontemplativen Traditionen seit Jahrhunderten beschreiben,
taucht heute in ähnlicher Form in der Bewusstseinsforschung auf.
Der Neurowissenschaftler, der über präreflexive sensorische Verarbeitung schreibt —
über den Moment, in dem der Organismus auf einen Reiz reagiert,
bevor das Ich sich einschaltet —, beschreibt dasselbe wie der Yogalehrer,
der seine Schüler bittet, die Empfindung zu bemerken, bevor die Bewertung kommt.

Sie sprechen nicht miteinander. Aber sie zeigen auf denselben Punkt.
Die Spannung zwischen beiden Zugängen ist fruchtbarer
als jede vorschnelle Synthese.