Spirale mit Glas

Den Tod erlebt man nicht

In seinem berühmten Büchlein „Tractatus logico-philosophicus“ schreibt Ludwig Wittgenstein viele bemerkenswerte Sätze. Darunter auch diese:

Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. (6.4211)

Dazu passt noch eine weitere Aussage von ihm:

Wie auch beim Tod die Welt sich nicht ändert, sondern aufhört. (6.431)

Natürlich hört die Welt selbst vermutlich nicht auf zu existieren. Deswegen möchte ich präzisieren: 

Bei MEINEM Tod hört MEINE Welt auf zu existieren, MEIN Leben ist beendet. Das was ich meine, wenn ich MEIN Ich oder MEIN Ego sage, diese meine Subjekthaftigkeit ist mit dem Tod zu Ende! Genau so wie dies alles durch MEINE Geburt entstand, so geht es mit MEINEM Tod zu Ende.

Das Subjekt ist somit der Träger SEINES Lebens in SEINER Welt. Was menschliche Gemeinschaft ausmacht, ist allein eine gemeinsame Schnittmenge von gleichartigen oder ähnlichen Sichtweisen auf die jeweiligen, subjektiven Welt-Erlebnisse. die auch immer subjektiv bleiben müssen. Es kann keine wirlich objektive Sicht auf die Welt geben. 

Diese gemeinsame Schnittmenge nennen die Menschen OBJEKTIVITÄT. Aber Objektivität im Erleben gibt es nicht! Die Menschen können sich in Teilen darüber einigen, WIE sie die Welt sehen. Aber WAS die Welt ist (nämlich „Alles was der Fall ist“), bleibt jenseits der subjektiven Vorstellungskraft. Vor allem bleib es auch jenseits dessen, was mit Sprache gesagt werden kann.

Wenn der Tod daher nicht erlebt werden kann, dann ist er auch keine Grenze. Denn eine Grenze würde bedeuten, es gäbe ein Jenseits davon. Aber mit dem Ende MEINER Existenz verlöschen alle Konzepte des Ich-bin. Es gibt dann weder den Beobachter  (das Subjekt) noch das Beobachtbare (die Objekte). Das ist mit dem Tod alles vorbei!

Denn die Lebenskraft, die MEINEN Leib beseelt, entschwindet mit dem Tod. Wohin? Das weiß kein Mensch! Die Lebenskraft ist jedenfalls nicht mein EGO. Dieses ICH ist ja erst durch die Geburt (oder die Zeugung) in seiner Grundanlage entstanden.

Man kann daher beschreiben WIE die Lebenskraft im Individuum wirkt, aber nicht WAS sie ist. Die Lebenskraft ist möglicherweise der Motor der Welt. Aber wirklich verstehen können wir die Lebenskraft nicht – genauso wenig wie den Tod. Denn die Kraft, die mich beseelt, hat dereinst überhaupt erst das uns bekannte Universum entstehen lassen. Und das es genauso wieder vergeht ist wahrscheinlich.

Wissen, woher das Universum kam und wohin es geht, können wir nicht beantworten. Denn die Antworten liegen außerhalb dieser Welt. Jenseits von Wissen, Verstand und Sprache. 

„Denn die Grenzen meiner Sprache sind auch die Grenzen meiner Welt,“ wie Wittgenstein so schön sagte.