Tantrik Yoga Eric Steinert

Monat: Januar 2024

  • Verkörperung im Tantra

    Verkörperung im Tantra

    Der Leib antwortet, bevor jemand antwortet.

    Haarzellen wandeln Schall um. Mechanorezeptoren melden Druck. Das Herz passt seinen Rhythmus an. All das geschieht, bevor das reflektierende Ich von irgendetwas weiß.

    Im nondualen Shaiva-Tantra ist genau diese Schicht des Erlebens kein Hindernis auf dem Weg zur Erkenntnis. Sie ist ihr Ort.

    Der Körper als Erfahrungsraum

    In vielen spirituellen Traditionen liegt der Schwerpunkt auf Disziplin, Kontrolle oder Transzendenz. Die Pratyabhijñā des Kaśmīr-Śaivismus setzt einen anderen Akzent.

    Der Leib ist der Ort, an dem Cit erscheint. Nicht als Spiegel für etwas Jenseitiges. Nicht als Hülle des Gewahrseins. Sondern als dessen unmittelbare Manifestation.

    Was im Körper geschieht, ist keine Ablenkung vom Absoluten. Es ist eine Weise, in der sich das Gewahrsein zeigt.

    Daraus folgt eine praktische Konsequenz.

    Die Aufmerksamkeit auf den Körper, auf Empfindung, Atemrhythmus und die feinsten affektiven Färbungen eines Moments, ist keine Vorbereitung auf Praxis.

    Sie ist Praxis.

    Interozeption

    Die Neurowissenschaft beschreibt seit einigen Jahrzehnten eine Form der Wahrnehmung, die im klassischen Fünf-Sinne-Modell kaum berücksichtigt wurde: Interozeption.

    Gemeint ist die Wahrnehmung innerer Körperzustände. Herzschlag. Atemrhythmus. Hunger. Sättigung. Ein diffuses Wohlbefinden oder Unbehagen, das sich keinem äußeren Objekt zuordnen lässt.

    Diese Signale laufen über eigene neuronale Bahnen und prägen fortwährend die Grundstimmung des Erlebens. Sie färben jede Wahrnehmung, ob wir es bemerken oder nicht.

    Aus der Perspektive des Shaiva-Tantra können solche Empfindungen als ein Zugang zu Spanda verstanden werden. Nicht weil Interozeption und Spanda dasselbe wären. Sondern weil sich in diesen feinen Regungen etwas zeigt, das der Spanda-Tradition seit Jahrhunderten vertraut ist: die unaufhörliche Bewegtheit des Gewahrseins.

    Spanda im Leib

    Spanda bezeichnet die wesenseigene Pulsation von Cit.

    Sie ist kein Objekt der Wahrnehmung. Kein verborgenes Etwas hinter den Erscheinungen.

    Sie zeigt sich in den Erscheinungen selbst.

    Im Herzschlag. In der Atempause. Im Übergang zwischen Schlafen und Wachen. In der feinen Regung, die einer Benennung vorausgeht.

    Kṣemarāja beschreibt Spanda nicht als Gegenstand metaphysischer Spekulation, sondern als etwas, das sich in bestimmten Momenten unmittelbar erschließen kann: in intensiver Aufmerksamkeit, in starken Affekten, in der Stille zwischen zwei Gedanken.

    Verkörperung bedeutet in diesem Sinn nicht, etwas Besonderes zu erreichen.

    Sondern wahrzunehmen, was bereits geschieht.

    Im Körper.

    Und durch ihn hindurch.